Aus dem sehr guten Artikel: ...

Aus dem sehr guten Artikel:

“Man muss einem Kandidaten nur die Gelegenheit bieten, sich mit unmoralischen Mitteln einen Vorteil zu verschaffen, und dann den Mechanismen der Selbsttäuschung ihren Lauf lassen. Er wird wahrscheinlich glauben, den Erfolg nicht seinem Betrug, sondern seinem Können zu verdanken, und sich von diesem Irrglauben auch durch drohende Konsequenzen nicht abbringen lassen – er weiß es einfach nicht besser. Und wird er dafür auch noch mit Wählerstimmen oder Ämtern belohnt, verliert er weiter an Bodenhaftung.

Die Fehleinschätzung und ihre Folgen fallen noch gravierender aus, wenn jemand grundsätzlich schon zur Selbsttäuschung neigt. Die Tendenz dazu erfassten die Forscher um Ariely in einem Fragebogen anhand von typischen ­Anzeichen für Selbstbetrug, zum Beispiel der Überzeugung, das eigene Schicksal voll und ganz im Griff zu haben. ­ Je stärker die Probanden solchen Aussagen zustimmten, desto mehr überschätzten sie auch ihre Leistung.

Es gilt als Merkmal für psychische Gesundheit, sich in vielen Belangen überdurchschnittlich vorteilhaft einzuschätzen, sei es im IQ-Test oder beim Autofahren. Pessimisten und depressive Patienten sehen sich selbst und die Welt realistischer; der Verlust der rosaroten Schutzbrille scheint ein Teil ihrer Krankheit zu sein. Dient der Mechanismus also dazu, dass wir uns mit uns selbst wohler fühlen?

Das bezweifelt der Evolutionsbiologe und Sachbuchautor Robert Trivers. Vielmehr habe sich die menschliche Neigung zur Selbsttäuschung deshalb durchgesetzt, weil sie einen ­weiteren Vorteil verschaffe: die Umwelt besser hinters Licht führen zu können. Um etwaige Täuschungsmanöver zu erleichtern, würden wir kurzerhand unsere Selbstwahrnehmung “umorganisieren”. Das spare nicht nur geistige Ener­gie, sondern sichere auch ein glaubwürdiges Auftreten, so Trivers' Theorie. Das erwünschte Selbstbild lagern wir deshalb gut zugänglich im Gedächtnis und blenden zugleich die unschöne Wahrheit aus.

Bei den Inhabern politischer Ämter darf man getrost ein gewisses Naturtalent für diese Art von doppelter Buchführung voraussetzen; ein Hang zur Schönfärberei erscheint geradezu als Voraussetzung für eine solche Karriere. Ist es denkbar, dass auch Wulff und zu Guttenberg auf irgendeiner – mehr oder weniger bewussten – Ebene die Fragwürdigkeit ihres Tuns erkennen, diese Einsicht aber lieber ausblenden?”

spektrum.de

Selbstbetrug: Doppelte Buchführung

Immer wieder geraten Politiker mit zweifelhaften Praktiken in die Schlagzeilen. Doch keiner von ihnen wähnt sich im moralischen Abseits. Ein Fall von …

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