Der Artikel ist keine Liebeserklärung, ...

Der Artikel ist keine Liebeserklärung, sondern eine gute Analyse der Situation:

“es gibt in Berlin nämlich eine organisatorische Besonderheit: die Niemandsverantwortung, die bürokratische Entsprechung des Niemandslands. Für überraschend viele Dinge in Berlin ist niemand zuständig.”

“Aber die Haltung, dass es nicht so schlimm ist, wenn man etwas verbockt, dass irgendwie viel mehr egal ist, als man im Rest des Landes glaubt – die färbt irgendwie ab. Sie wabert durch die Straßen und dringt durch die Ritzen der sanierungsbedürftigen Verwaltungsgebäude in die Köpfe der Verantwortlichen und Niemandsverantwortlichen.”

Dazu kann ich selbst ein gutes Beispiel geben: Unser Sohn ist seit letztem Jahr bei einem Schwimmkurs. Der wurde wegen Corona unterbrochen, sollte aber eigentlich im Juli wieder starten. Leider jedoch wurde das Schwimmbad wegen Mängeln an der Wasserqualität zunächst für zwei Wochen geschlossen. Nach einer zusätzlichen Reinigung sollte es aber bald weitergehen, sagte die Schwimmlehrerin. Im August erfuhren wir, dass auch nach der Reinigung die Wasserqualität immer noch nicht gut genug sei, das Wasser nochmal abgelassen werden muss. Aber Ende August könne dann der Schwimmkurs bestimmt weitergehen. Mitte September fragte ich dann bei der Schwimmlehrerin erneut nach wie der Stand ist, aber sie hat auch nichts neues zu berichten (von selbst meldet sie sich nie, irgendwie scheint ihr die Situation egal zu sein). Aber sie schlägt vor, dass wir als betroffene Eltern uns selbst an den Schwimmbadbetreiber wenden sollten, was ich Anfang Oktober dann auch wirklich gemacht habe. Die Telefonnummer führt mich zuerst zum Pförtner (Person 1), der nicht zuständig ist und mich weiterverbindet zu jemand (Person 2) der ebenfalls nicht zuständig ist. Aber er weiß, das eine Dame (Person 3) zuständig ist, die aber jetzt nicht zu erreichen ist, ich solle in einer Stunde es wieder versuchen. Offenbar hatten sie gehofft mich so loszuwerden, aber ich rufe tatsächlich in einer Stunde an, erreiche wieder Person 2 und die verbindet mich dann tatsächlich mit Person 3. Diese erklärt, dass seit Juli offenbar immer erfolglos versucht wird das Bad zu reinigen, aber man könne eben keine Trinkwasserqualität schaffen, die das Gesundheitsamt aber verlangt. Auf meine Frage, warum die Probleme erst jetzt auftreten und Jahre vorher nicht, weiß sie keine Antwort, sagt aber genaueres wüsste ein Techniker (Person 4), der aber gerade nicht da sei. Zumindest erfahre ich, das der Techniker in engem Austausch mit einem Labor28 in Berlin sei, welches die Wasserproben analysiere und gerade heute hätten sie eine neue Probe ins Labor gesendet. Aber es würde immer zwei Wochen dauern, bis sie das Ergebnis bekämen. Sie fragt dann nach meiner Nummer und sagt, dass Person 4 mich bald zurückrufen wird und mir genau erklären kann woran es denn liegt und wie lange das Schwimmbad noch gesperrt sein wird.

Es sollte für niemanden eine Überraschung sein der bis hierher gelesen hat, dass ich natürlich niemals einen Rückruf bekommen habe. Wir warten also seit Juli auf die Fortführung der Schwimmkurses, der eigentlich 2020 gestartet ist. Für den Schwimmbadbetreiber scheint die Situation irgendwie nicht so dringend zu sein, der Schwimmlehrerin ist es auch egal, dass sie in diesem Schwimmbad keine Kurse geben kann und irgendwie bin ich auch nicht mehr überrascht über solchen Stillstand, denn ich lebe ja schon seit über 10 Jahren in Berlin.

Dafür habe ich jetzt einen Turnverein für unseren Sohn gefunden. Die warten aber auch schon seit 10 Jahren darauf, dass sie die Turnhalle, die zu einer (seit langem geschlossenen) Schule gehörte, endlich der Stadt Berlin abkaufen dürfen. Aber für eine geschlossene Schule ist in Berlin niemand zuständig und daher wird die Halle nicht verkauft, aber auch nicht renoviert. Es passiert einfach nichts in dieser Stadt.

spiegel.de

Sascha Lobo über Berlin: Liebeserklärung an den »failed state«

Warum Berlin so dysfunktional ist? Die Stadt wurde nicht einfach nur kaputtgespart. Es liegt auch an der Niemandsverantwortung, der bürokratischen Entsprechung des Niemandslands.

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